Berufung und Sendung der Laien nach dem 2. Vatikanum

Rede von Helmut Krätzl, em. Weihbischof in Wien -es gilt das gesprochene Wort.

Ohne sich in geschichtlichen Betrachtungen zu verlieren zuerst ein ganz kurzer Überblick über die sich veränderte Stellung der Laien in der römisch katholischen Kirche.

Vom Verbändekatholizismus zum „gemeinsamen Priestertum“

Im aufkommenden Liberalismus des 19. Jahrhunderts schlossen sich Katholiken zusammen, um Belange der Kirche zu verteidigen und ihre Vorstellungen in der Öffentlichkeit zu vertreten.[1] Unter Pius XI bekam die Katholische Aktion einen besonderen Vorrang. Er definierte sie als „Mitarbeit und Teilhabe der Laien am hierarchischen Apostolat der Kirche.“ [2] Gleichzeitig sollte durch diesen Zusammenschluss die Jugend für den aufkeimenden Nationalsozialismus gestärkt werden.  So war auch in der Nazizeit die KA die einzige lebensfähig Form, ganz nahe der Kirche, rund um den Altar, weil die übrigen Verbände vom Regime aufgelöst waren.

Nach dem Krieg gab es Meinungsverschiedenheiten,  wie weit die früheren Verbände  wieder aufleben sollten oder nicht und in welchem Verhältnis sie  zur Kirchenleitung stehen. Vielfach gab man weiterhin der KA den Vorrang.

Wie vieles so hat sich auch die Stellung der sog. „Laien“ – ich werde später noch zeigen, warum ich “sogenannte Laien“ sage -  in der Kirche durch das Konzil wesentlich verändert. Die Kirche wird ja nicht mehr vornehmlich hierarchisch gesehen, sondern zuerst als Volk Gottes, in dem alle Glieder die gleiche Würde haben. Theologisch hat das die Basis im „gemeinsamen Priestertum“.

In Art. 10 von LG wird in „aufsehenerregender“ Weise  das „gemeinsame Priestertum“ der Gläubigen (sacerdotium commune)  erläutert und dem Priestertum des Dienstes (dem hierarchischem  Priestertum) gegenübergestellt. O.H.Pesch bezeichnet das als erstmalig in einem kirchenamtlichen Dokument.[3] Dies ist so erstaunlich, weil „gemeinsames Priestertum“ zu sehr an das „allgemeine Priestertum“ erinnerte, wie es Luther im Gegensatz zur katholischen Lehre betonte. Aber jetzt war „gemeinsames Priestertum“  die logische Konsequenz der neuen Sicht der Kirche, zu der sich das Konzil bekannte.

In LG 10 heißt es dazu: „Christus der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen (vgl. Hebr 5, 1-5) hat das neue Volk Gottes „zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht“ (vgl. Apk 1,6; 5, 9.10). Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem  heiligen Priestertum geweiht (consecrantur), damit sie in allen Werken eines christlichen Menschen geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat“ (vgl. 1 Petr 2, 4-10).

Durch die Taufe also zu einem heiligen Priestertum geweiht. Taufweihe ist die Grundlage für alle anderen Sakramente, auch für die Priesterweihe.

Und in LG 32 wird der Unterschied zum Weihepriestertum  so beschrieben: „Wenn auch einige nach Gottes Willen als Lehrer, Ausspender der Geheimnisse und Hirten für einander bestellt sind, so waltet doch unter allen eine wahre Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi. Der Unterschied, den der Herr zwischen den geweihten Amtsträgern und dem übrigen Gottesvolk gesetzt hat, schließt eine Verbundenheit ein, da ja die Hirten und die anderen Gläubigen in enger Beziehung miteinander verbunden sind. Die Hirten der Kirche sollen nach dem Beispiel des Herrn einander und den übrigen Gläubigen dienen, diese aber sollen voll Eifer mit den Hirten und Lehrern  eng zusammenarbeiten. Sie geben alle in der Verschiedenheit Zeugnis von der wunderbaren Einheit im Leibe Christi: denn gerade die Vielfalt der Gnadengaben, Dienstleistungen und Tätigkeiten vereint die Kinder  Gottes, weil „dies alles der eine und gleiche Gott wirkt“ (1 Kor 12,11).“

Aus diesen dichten theologischen Worten ist folgendes zusammenzufassen:

1) Durch Taufe und Firmung hat zunächst jeder die gleiche Würde. Es fällt auf, dass hier noch nicht  von Laien geredet wird, sondern von Hirten und den übrigen Gläubigen.

2) Der Unterschied  in der Berufung schließt die Verbundenheit nicht aus, sondern ein. Eine Verbundenheit aller in der Einheit des Leibes Christi.

.3) Die Hirten sollen  nach dem Vorbild Christi den übrigen dienen, diese aber  ganze eng mit ihnen zusammenarbeiten.

4) Die Beauftragung zum gemeinsamen Priestertum erfolgt nicht „kirchenamtlich“, sondern sakramental, durch Taufe und Firmung.

 

Wer ist dann noch Laie?

Diese Frage stellt  das nachsynodale Schreiben Christifideles laici  n. 9 in Bezug  auf LG 31: „Unter der Bezeichnung Laien sind hier alle Christgläubigen verstanden mit Ausnahme der Glieder des Weihestandes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes, d.h. die Christgläubigen, die durch die Taufe Christus einverleibt, zum Volk Gottes gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weis teilhaftig, zu ihrem Teil die Sendung des ganzen christlichen Volkes in der Kirche und in der Welt ausüben.“ 

Unter „Laie“ versteht man im alltäglichen Sprachgebrauch einen „Nichtfachmann“. Da es aber über eine Milliarde römisch-katholischer Christen gibt, die Ordinierten zusammen aber weniger als 1 % ausmachen, sind Laien sozusagen das ganze Gottesvolk. Ist aber dann die Bezeichnung „Laien“ nicht irreführend? [4] Nach dem Konzil dürfte man in diesem Sinn nicht mehr von Laien reden, da alle durch Taufe und Firmung zu „Priestern“ geweiht sind.

Teilnahme am  dreifachen Amt Christi

Die Wiederentdeckung des gemeinsamen Priestertums war am Konzil keine Notlösung angesichts des immer drohender werdenden Priestermangels. Das Konzil griff vielmehr zurück auf die  apostolisch-altkirchlichen Grundlagen: jeder Getaufte und Gefirmte ist beschenkt, aber auch in den Dienst genommen durch seine Christusgemeinschaft. [5] Und in dieser Gemeinschaft nimmt er teil am dreifachen Dienst Christi selbst.

Teilnahme am  priesterlichen Dienst Christi

Elmar Mitterstieler, langjähriger Spiritual am Priesterseminar in Wien und Brixen, hat ein sehr eindrucksvolles Buch über das gemeinsame Priestertum geschrieben. [6] Bei der Beschreibung der Teilnahme am priesterlichen  Dienst Christi hebt er besonders den freien Zugang zu Gott hervor. Im jüdischen und heidnischen Umfeld hatte der Priester eine hervorgehobene Stellung, weil er sich  den heiligen und allerheiligsten Bezirken der  Gottheit nahen durfte, und sich  so als Mittler zwischen dem Menschen und der Gottheit darstellte. Vielfach haftete auch dem Priester des Neuen Testamentes eine solche Sonderstellung an, dem Allerheiligsten ganze nahe,  das er vermittelt. Dafür gebührte ihm besondere Ehrfurcht, „hochwürdige“ Titel.

 Durch die Taufweihe sind wir aber alle aufgenommen in das persönliche Gottesverhältnis Jesu, „das einzigartig ist an Vertrautheit und Nähe und das er ganz vorbehaltlos, freimütig und liebevoll mit uns, seinen Schwestern und Brüdern, teilt. Denn dazu ist er einer von uns geworden.“ [7] In ihm sind wir alle Priester, haben freien Zugang zu Gott, zu seinem und unserem Vater. Wir haben selbst den Zugang und können ihn anderen öffnen.

Im Dekret über das Laienapostolat  ( AA)  wird aus dieser Vereinigung Recht und Pflicht des Apostolates abgeleitet. [8]Durch die Taufe dem mystischen Leib Christi eingegliedert und durch die Firmung mit der Kraft des Heiligen Geistes gestärkt werden sie vom Herrn selbst mit dem Apostolat betraut. „Sie werden zu einer königlichen Priesterschaft geweiht, damit sie durch alle ihre Werke geistliche Opfergaben darbringen und überall auf Erden Zeugnis für Christus ablegen.“

Obwohl das Opfer Christi ein für allemal dargebracht wurde und wir dem ja gar nichts hinzuzufügen hätten, fordert uns der Hebräerbrief dennoch auf, „durch ihn Opfer darzubringen.“ [9]  Das Konzil erklärt das so. Es zählt die Werke auf, die wir in Christus Gott weihen: Gebete, apostolische Unternehmungen, Ehe- und Familienleben, die tägliche Arbeit, die geistliche und körperliche Erholung, aber auch die Lasten des Lebens. Sie sind „geistige Opfer, wohlgefällig vor Gott, durch Jesus Christus“ (1 Petr 2,5). Und bei der Feier  der Eucharistie werden sie mit der Darbringung des Herrenleibes dem Vater in Ehrfurcht dargebracht. Wiederum das Konzil: „So weihen auch die Laien, überall Anbeter  in heiligem Tun, die Welt selbst Gott.“ [10]  Laien also, die die Welt heiligen!

In diesem Zusammenhang ist auch der Aufruf in der Konstitution über die Liturgie SC 14 zu verstehen, tätig an der liturgischen Feier teilzunehmen, weil das das Wesen der Liturgie  selber verlangt und zu der das christliche Volk das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, der heilige Stamm, das Eigentumsvolk (1 Petr 2,9; vgl. 2, 4-5) kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet ist.  

Teilnahme am priesterlichen Dienst Christi eröffnet ein neues Verständnis der Mitfeiern der Messe. Wie unser ganzes Leben dargebracht wird, konkret auch die apostolischen Unternehmungen. Und ich frage mich, ob  bei einer Messe, an der viele geweihte Priester teilnehmen, nicht diese  - ausgenommen dem Vorsteher  der Messe  - durchaus mit den übrigen Gläubigen mitfeiern könnten, ja sollten. Er muss sich nicht  fast demonstrativ in der Schar der geweihten Priester dem Volke gegenüberstellen.

Teilnahme am Prophetenamt Christi

Propheten sind nicht jene, die die Zukunft voraussagen, sondern jene, die die Zeichen der Zeit zu deuten wissen, die aber auch durch das Zeugnis ihres Lebens zur Umkehr aufrufen und auf die Verheißungen hinwiesen.

Das Konzil lehrt: „Christus, der große Prophet, erfüllt bis zur vollen Offenbarung der Herrlichkeit sein prophetische Amt nicht nur durch die Hierarchie, die in seinem Namen und in seiner Vollmacht lehrt, sondern auch durch die Laien. Sie bestellt er deshalb zu Zeugen und rüstet sie mit dem Glaubenssinn und der Gnade des Wortes aus, damit die Kraft des Evangeliums im alltägliche Familien-  und Gesellschaftsleben aufleuchte.“ [11]

Hier bringen in das hierarchische Wirken die Gläubigen ihren Glaubenssinn ein und die Gnade des Wortes, mit der sie ausgerüstet sind. Es ist gut, dass hier den Gläubigen direkt der Glaubenssinn und die Gnade des Wortes zugesprochen werden, und nicht wie sonst gleich auf die Leitung des „heiligen Lehramtes“ (LG 12) verwiesen wird. Hier wird wohl deutlich, wie sehr gerade der Glaube der einfachen Leute „prophetisch“ sein kann. Und man erinnert sich an den Lobpreis Jesu: „Ich preise dich Vater, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ (Mt 11,25) Geht doch damit die Prophezeiung des Joel in Erfüllung: „In den letzten Tagen wird es geschehen, ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch, eure Söhne und Töchter werden Propheten sein.“ [12] Und in der Urgemeinde war prophetisch reden durchaus eine Geistbegabung, die noch höher eingeschätzt wurde als das Zungenreden. 

Wie wichtig wäre es heute daher, den Glaubensinn der Laien zu achten und an die „Gnade ihres Wortes“ zu glauben, auch der Frauen, weil Joel von Söhnen und Töchtern spricht.  Nur so können wir die Zeichen der Zeit ganz aus dem Leben erkennen und deuten. 

Aber auch auf das Zeugnis ist zu schauen.  Auf das Zeugnis des Lebens in voller Hingabe an andere Menschen, besonders an Kranke und Arme, die Treue zum Glauben in glaubensloser oder gar glaubensfeindlicher Umgebung, die oft unbegreifliche Stärke in den Prüfungen des Lebens, aber nicht zuletzt die Zuversicht auf das was noch aussteht,  das Sein bei Gott. Propheten haben auch das Letzte vor Augen!  

Teilnahme  am königlichen Dienst  Christi [13]

Jesus ist gekommen, um das Gottesreich auszubreiten. LG 36,1 „Der Herr  will ja sein Reich auch durch die gläubigen Laien ausbreiten, das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das  Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. In diesem Reich wird auch die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ [14]

Bei seinem Verhör vor Pilatus bekennt sich Jesus zu seinem Königtum. Sein Königtum ist nicht von dieser Welt. Aber auf die neuerliche Frage des Pilatus antwortet er: „Du  sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Joh 18, 37). Und bei seinem ersten Auftreten in Galiläa sagte Jesus: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“ (Mk 1,15)

CFL 14: „Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu Christus dem Herrn und König der Welt nehmen die Laien teil an seinem königlichen Amt. Sie sind von ihm zum Dienst am Reiche  Gottes und an seiner Ausfaltung in der Geschichte berufen.“ [15] Was das doch alles in der Praxis bedeuten könnte!

Die Herrschaft, die Jesus ausübt, unterscheidet sich gänzlich von allen Formen der Macht in dieser Welt. Sie besteht in der souveränen Hingabe seines Lebens für die Menschen dieser Welt. Sein königliches Verhalten ist „dienend, ohne Machtausübung und ohne Untergebenen- oder Unterwerfungsverhältnisse.“ Hier passt das Wort des hl. Paulus: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude.“ (2 Kor 1,24) „Mittel der Gewalt, der Selbstpositionierung, der Ausnutzung und Erniedrigung Schwächerer dürfte unter uns keinen Platz haben.“ [16]

Aber die Teilnahme am königlichen Dienst Christi berechtigt nicht nur, sondern verpflichtet die Laien auch in der Kirche Mitverantwortung zu tragen. Sie haben sich selbst  am Geiste Jesu zu orientieren,  haben aber auch die Verpflichtung zu mahnen,  wo eklatante Fehler in der Machtausübung in der Kirchenleitung begangen werden  Sie haben das Wort Jesu hinter sich: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch  soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.“ [17]

Den Geist eines solchen Reiches haben die Laien aber auch in ihre Welt draußen  einzubringen, in ihren Familien, in ihren Beruf, sicher aber auch tatkräftig im öffentlichen Leben und in der Politik.

Das Wort Herrschen erinnert auch an den Schöpfungsbericht. Dort segnet Gott den Menschen, den er über die Fische des Meeres über die Vögel des Himmels und alle Tiere zu herrschen einsetzt. (Gen 1,28) Dies wurde oft missverstanden. Im Sinne Gottes verstanden ist es aber eine Herrschaft  wie er sie über die Schöpfung und alle Menschen, über sein Volk ausübt, „eine königlicher Hirte, dem es  um die Herde und ihr Wohl geht.“ Und wer an  am königlichen Amt Jesu teil hat, wird auch mit großer Verantwortung  zur Wahrung der Schöpfung beitragen.

Wo ist der rechte Ort der „Laien“?

Obwohl alle Getauften das Volk Gottes darstellen und daher jeder auch in diesem Volk je nach seiner Begabung Aufgaben zu erfüllen hat, wird den „Laien“ in besonderer Weise der „Weltcharakter“ zugesprochen. „Sie leben in der Welt. … Dort sind sie von Gott gerufen, ihre eigentümliche Aufgabe, vom Geist des Evangeliums geleitet, auszuüben und so wie ein Sauerteig zur Heiligung der Welt gewissermaßen von innen  her beizutragen und durch das Zeugnis ihres Lebens Christus den anderen kund zu machen.“ [18]

In der nachkonziliaren Zeit wurde dieser Weltcharakter der „Laien“ zunehmend einseitig interpretiert. So, als ob der geweihte Priester eben das Kirchliche innerhalb der Gemeinde voll und ganz zu verantworten hätte, die Laien aber  den „Weltdienst“ zu versehen hätten.  Im postsynodalen Schreiben Christifideles laici (CFL) nach der Bischofssynode über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt 1987wurde sogar gleich am Anfang gewarnt, dass der Weg, den die Laien nach dem Konzil gegangen wären „nicht ganz frei von Gefahren und Schwierigkeiten“ war. Der Papst dachte an zwei Versuchungen. „Die Versuchung, ihr Interesse so stark auf die kirchliche Dienste und Aufgaben zu konzentrieren, dass sie sich praktisch von ihrer Verantwortung im Beruf, in der Gesellschaft, in der Welt der Wirtschaft, der Kultur und der Politik dispensieren.“ [19] Manche drückten das eher polemisch aus:  „Die Laien drängen sich an den Altar, statt ihre Aufgabe in der Welt zu erfüllen.“ Es scheint, dass es hier, ganz im Gegensatz zum Geist des Konzils, wieder zu einer Trennung zweier Stände kommt, da die Geweihten, die Kleriker, dort die Laien in der Welt. Die Laien stehen doch ganz in der Mitte der Kirche, die Kirche insgesamt aber, mit den Geweihten auch mitten in der Welt. - Als zweite Versuchung nannte der Papst, „die zu Unrecht bestehende Kluft zwischen Glaube und Leben, zwischen der grundsätzlichen Annahme des Evangeliums und dem konkreten Tun in verschiedenen säkularen und weltlichen Bereichen,  zu rechtfertigen.“  Traut man  etwa den Laien in der Welt, von deren Welterfahrung ja vielfach gesprochen wird, nicht zu, auch offensichtliche Differenzen  zwischen kirchlichen Weisungen und dem Leben sogar überzeugter Katholiken aufzuzeigen?

Wie wenig die Konsequenzen aus dem gemeinsamen Priestertum und damit dem neuen Verhältnis zwischen Priestern und Laien nach dem Konzil aufgearbeitet worden sind, zeigt die Instruktion vom 15. August 1997 „Zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester“, die sehr restriktiv war. Sie wurde von 8 römischen  Kongregationen herausgegeben und vom Papst selbst „in forma specifica“ approbiert. Man hat fast den Eindruck, dass hier ängstlich Grenzen gesetzt werden, die Laien nicht überschreiten sollen. Treten sie etwa in Konkurrenz mit den Priestern, die bislang dominierten?

Wie unabhängig sind die Laien in ihrem Weltdienst?

Einerseits wird die besondere Aufgabe der Laien in der Welt betont, auch ihre große Erfahrung dort, andererseits aber stellen sich die Fragen, wie selbständig nun der Katholik in der Welt, in Gesellschaft und Politik handeln darf.

Wie groß ist der Raum für eine Gewissensentscheidung eines Politikers, wenn es um Fragen geht, zu denen sich das Lehramt schon geäußert hat?  Darf er dann auch anders „abstimmen“,  weil er (oft zu Recht) glaubt, mit einem Kompromiss ein noch größeres Übel verhindern zu können?

Dürfen katholische Wissenschaftler in so komplexen Fragen wie der Bioethik mit anderen in einen ergebnisoffenen Dialog treten, obwohl sich die Kirche mit traditionellen Antworten schon längst ablehnend zu Wort gemeldet hat?  

Oder andersherum: haben katholische Politiker das Recht, Neuerungen in der Kirche, von denen sie überzeugt sind, anzumahnen? Oder gilt das als eine unberechtigte Einmischung in innerkirchliche Vorgänge, wie es in Deutschland einigen CDU und CSU Politikern vorgeworfen wurde?

Welchen Freiraum haben Laienorganisationen um Hinblick auf ihre Meinungsäußerungen oder auch für Kritik an kirchlichen Vorgängen? Solches hat der Laienrat in Österreich leidvoll erlebt, als er auf längst fällige Neuerungen drängte und dafür von einem Diözesanbischof scharfe Rügen bekam.

Diese Streitfrage entzündete sich in der Bundesrepublik bei der Gründung des eigenständigen bürgerlich-rechtlichen Vereins Donum vitae 1999. Die katholischen Bischöfe Deutschlands sind auf Weisung Roms aus dem gesetzlichen Beratungssystem ausgestiegen.  Das Argument in Rom war, dass in diesen Beratungsstellen der Nachweis der Beratung  zugleich eine Voraussetzung für eine mögliche  Abtreibung sein könnte und das  wie  eine Mithilfe aussehe. Aus der Überzeugung, dass eine verpflichtende ergebnisoffene, aber zielgerichtet Beratung die beste Möglichkeit sei, um Frauen im Konflikt zu erreichen und ungeborenes Leben zu schützen, gründeten katholische Christen gemeinsam  mit Christen anderen Konfessionen einen eigenständigen Verein, der derzeit an 200 Orten der Bundesrepublik Beratungsstellen anbietet. Diese Aktivität  wurde von Rom  sofort stark kritisiert, weil einer Laienorganisation nicht erlaubt sein könne, was gerade vorher Bischöfen verboten wurde. An Hand dieses Beispiels  entzündete sich die Debatte, welche Unabhängigkeit nun Laien wirklich in ihrem Weltdienst haben. Sind nicht sie es, die auf Grund ihres Fachwissens und aus wohl reflektiertem Gewissen  sich in der Gesellschaft in lebenswichtigen Fragen einsetzen, wo es die Kirche offiziell nicht will oder kann? Geschieht solches nicht in differenzierter Form im Geiste ihres Weltauftrages, aber in Verantwortung vor dem Herrn?

„Der vertraute Umgang zwischen Laien und Hirten.“  LG 37

Zuletzt eine Verhaltensregel, die das Konzil selbst gibt. In LG 37 wird in einem für ein Konzilsdokument unüblichen menschlichen Stil das rechte Verhältnis zwischen Laien und Hirten beschrieben. Es zeigt, wie beide auf einander angewiesen sind, und nur gemeinsam ihre Aufgabe fruchtbar erfüllen können.

Zuerst wird davon gehandelt, was den Christgläubigen  zusteht. Sie haben das Recht, aus den geistlichen Gütern, vor allem die Hilfe des Wortes Gottes und der Sakramente von den geweihten Hirten reichlich zu empfangen. Hier wäre der Ort nachzudenken, in welcher Weise sie das Wort Gottes empfangen. Wohl zu allererst aus der Bibel selbst, wie es in DV ausdrücklich gesagt wird und nicht vordergründig, gar einschränkend vornehmlich durch das Lehramt. Und dann die geistliche Güter der Sakramente. Wann und wem dürfen sie vorenthalten werden? Aus welchen Gründen? In Verantwortung vor wem?

Dann werden die „Laien“ aufgefordert, „ihre Bedürfnisse und Wünsche mit der Freiheit und dem Vertrauen, wie es den Kindern Gottes und den Brüdern in Christus ansteht, eröffnen.“ Hier wird wohl die so wichtige Atmosphäre der gegenseitigen Begegnung angesprochen. „In Freiheit und Vertrauen“, wie es Brüdern in Christus ansteht. Ich sehe darin die Aufforderung zu einem  Dialog auf gleicher Augenhöhe. Spirituell, weil beide ja teilhaben am Priesteramt Christi. Intellektuell wegen der besonderen Erfahrung  der Laien aus ihren Lebensbereichen. Und das betont das Konzil noch ausdrücklich: „Entsprechend dem Wissen, der Zuständigkeit und hervorragenden Stellung, die sie einnehmen, haben sie die Möglichkeit, bisweilen auch die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären.“ Und an dieser Stelle verweist das Konzilsdokument auf zwei Ansprachen von Pius XII., die kaum je bekannt geworden sind. 1950 am ersten  Weltkongress für das Laienapostolat mahnte Pius XII. die kirchlichen Oberen, die Laien zu Anregungen zu ermutigen und solche dann auch anzunehmen; denn „in den entscheidenden Schlachten gehen manchmal gerade von der Front die besten Initiativen aus. Die Geschichte der Kirche bietet Beispiele genug.“ [20], so der Papst.

In derselben Ansprache weist der Papst die katholischen Journalisten auf ihre Verantwortung für die Bildung einer öffentlichen Meinung in der Kirche hin. „Es würde dem Leben der Kirche etwas fehlen, wenn ihr die öffentliche Meinung mangelte, wofür die Schuld sowohl auf die Hirten wie auf die Gläubigen fiele.“ Dabei wird sowohl vor „stummer knechtischer Gesinnung“ gewarnt als auch vor „hemmungsloser Kritik“.

Dann aber sagt LG 37 sehr deutlich aus, was die Hirten tun sollen:

Die Würde und Verantwortung der Laien in der Kirche anerkennen und fördern. -

Gerne ihren klugen Rat benutzen. - Ihnen vertrauensvoll Aufgaben im Dienst der Kirche übertragen und ihnen Freiheit und Raum im Handeln lassen. - Ihnen Mut machen, aus eigener Initiative Werke  in Angriff zu nehmen. - Mit väterlichen Liebe die Vorhaben,  Eingaben  und Wünsche  die die Laien vorlegen, aufmerksam in Christus in Erwägung ziehen. - Die gerechte Freiheit, die allen im irdischen bürgerlichen Bereich zusteht, sollen die Hirten sorgfältig anerkennen.

Aus diesem vertrauten Umgang ziehen Laien wie Hirten großen Nutzen. In den Laien wird der Sinn für eigene Mitverantwortung gestärkt. Die Hirten können mit Hilfe und Erfahrung der Laien in geistlichen wie in weltlichen Dingen genauer und besser urteilen. „So mag die ganze Kirche, durch alle ihre Glieder gestärkt, ihre Sendung für das Leben der Welt wirksamer erfüllen.“ Wie weit ist der Weg noch bis zur Verwirklichung dieser Konzilsbeschlüsse?

Das Jahr des Glaubens  - Rückbesinnung auf das gemeinsame Priestertum

Damit sollte jeder einzelne sich der Wurzel und der Quelle seines Glaubens,  der Taufe dankbar bewusst werden. Darauf haben übrigens die österreichischen Bischöfe bei ihrer letzten Konferenz vor wenigen Tagen ausdrücklich  hingewiesen,  Aber dann soll jeder auch seine Berufung daraus erkennen, und was er in die Kirche einbringen kann.

 Überdies könnte dieses Gedenkjahr auch zu einem noch fruchtbareren Verhältnis zwischen Priestern und Laien führen, zwischen Laienorganisationen und Kirchenleitung,   was gerade  im Prozess der Neuevangelisierung unverzichtbar ist.

Möge diese Tagung hier  Ihre Freude an der Kirche auffrischen und vermehren und Ihnen für den unersetzbaren Einsatz für diese Kirche neue Kräfte und Motive geben.

[1] Vgl. dazu P. Becher, Art. Katholische Aktion in: LThK  3 1996, Bd. 5, 1347 f
[2] Pius XI, Ansprache an die Jugendlichen in Deutschland, 27. 10. 1933
[3] O.H. Pesch, Das Zweite Vatikanische Konzil. Würzburg 2 1994,  174
[4] Th. Schneider, Die aufgegebene Reform. Vergessene Impulse und bleibender Auftrag des Zweiten Vatikanums. Grünewaldverlag 2012 , 154
[5] Schneider 156
[6] E. Mitterstieler, Das wunderbare Licht, in dem wir leben. Gleichheit, Würde und Priestertum aller in der Kirche. Würzburg 2 2012
[7] Mitterstieler 55
[8]  AA 3
[9] Hebr 13, 15
[10] LG 34, 2
[11] LG 35
[12] Zit Apg 2, 17
[13] Mitterstieler 127
[14] LG 36,1
[15] CFL 14,7
[16] Mitterstieler  130
[17] Mt 20. 25 f
[18] LG 31,2
[19]  CFL 2, 9
[20] In der Fußnote zu Art. 37 wird auf diese Ansprache ausdrücklich verwiesen. Den zitierten  Wortlaut bringt Ferdinand Klostermann in seinem Kommentar wörtlich. F. Klostermann, Kommentar zum vierten Kapitel von LG in: LThk I, 280

Helmut Krätzl, em. Weihbischof in Wien

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